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 Rovenna-Vogelfrei

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LIPallas
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Ort : Irgendwo in einem kleinen Dorf in Bayern...

BeitragThema: Rovenna-Vogelfrei   Mo Nov 04, 2013 10:02 pm

Ein Auszug aus meiner Triologie Rovenna
Erster Band: Vogelfrei

Kapitel 6: Herbstlaub

Der Herbst starb mit Würde. Die Sonne ging nicht, ohne zu Kämpfen. Noch einmal waren ihre Strahlen durch die dicke Wolkendecke gedrungen, aber ich spürte, dass es der letzte Abend war, den Marco und ich unter ihrem Licht verbringen würden.
Der Winter kam und niemand aus dem Land des ewigen Eises könnte ihn aufhalten. Aber fliehen konnte man, fliehen, wie wir. Fliehen in den Süden, wo noch viel größeres Grauen wartete. Fliehen in den Tod.
Desto näher wir unserem Ziel kamen, desto kälter wurde es. Wir würden von nun an tagsüber gehen müssen. Ich seufzte. Das bedeutete ein Feuer in der Nacht. Aber irgendwann würden sie uns sowieso finden.
Man konnte nur hoffen, dass sie immer noch nicht dazu gelernt hatten.

Scheinbar nicht. Ich konnte sie manchmal sehen, wie sie durch die Wälder streiften, die Augen wie gewöhnlich ins Nichts gerichtet. Aber spüren hätten sie uns längst müssen.
Vielleicht spürten sie ja nur die Angst, die man bei ihrem Anblick empfand. Angst, die ich nicht fühlte. Worum auch?
Es sah nicht so aus, als folgten sie uns. Eher schien es, als suchten sie uns immer noch. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie uns fanden?
Die Tage, die wie die eintönige nebelverschleierte Landschaft an uns vorbeizogen, wurden immer kürzer, die Nächte kälter, der Boden, auf dem wir schliefen, immer härter, wegen dem Frost und weil kein Gras mehr wuchs auf den harten Wurzeln. Aber wir waren kalte Winter und harte Boden gewohnt, genau wie wir uns auch an das Wandern gewohnt hatten, an das Essen, dass ich uns jagte, an das ständige Umsehen, kontrollieren, ob sie hinter uns waren. Und an die Stille.
Wir sprachen kaum je ein Wort. Worte hätten uns auch nicht helfen können in unserer derzeitigen Situation. Jedes Wort, dass ihn getröstet, beruhigt, ihm seine Angst genommen hätte, wäre eine Lüge gewesen. Es gab nichts zu sagen.
Aber manchmal sang ich ihm abends vor und er hörte mir zu.

Bald waren die Nächte trotz der verräterisch hellen Flammen, die stets neben unseren Lagern loderten, so kalt, dass wir jedes Mal halb erfroren. Der erste Schnee fiel an dem Tag, als wir ihre Gipfel über den Bäumen bemerkten. Da ragten sie aus dem Boden, unglaublich mächtig und riesig, wie die Sänger und Erzähler sie beschrieben hatten. Die Vjarden. Die Mauer zwischen uns und dem Süden, zwischen Winter und Sommer, zwischen dem ewigem Tod und der Hölle auf Erden.
Keiner von uns Beiden freute sich wirklich, sie zu sehen. Er hatte Angst, das spürte ich. Und ich - ich fühlte ein Kribbeln, eine Art Vorfreude. Der Wunsch, es endlich zuende zu bringen.
Was für eine Ironie, dass ich meinen Feinden mehr ähnelte, als dem Jungen, der Nacht für Nacht neben mir lag: Wie sie war ich emotionslos, ohne Leben in mir und nichts, als ein Schatten im Wald.

Es war Mittag, zumindest glaubte ich das. Die Sonne hatte sich seit Langem schon nicht mehr am Himmel blicken lassen. Es war Mittag und alles war wie immer. Kein Geräusch war zu hören, nicht einmal ein Vogel pfiff. Kein Schatten zu sehen, keine Veränderung in der Landschaft.
Aber plötzlich waren sie da. Mit einem Schlag waren sie überall. Sie brachen aus den Ästen, sprangen uns in den Weg und versperrten jede Fluchtmöglichkeit. Scheinbar hatten sie es nun doch begriffen.
Ich packte Marcos Hand und griff nach einem Messer.
Wir würden sterben, so viel war mir klar. Aber sterben wie der Herbst.


Über Meinungen und Kritik würde ich mich sehr freuen.

Leah
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Rovenna-Vogelfrei
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